Die "Pfeffersäcke" des 21.Jahrhundert!!

Aus der Hildesheimer Allgemeine Zeitung vom 17.11.2014:

Warum wir das Mittelalter so spannend finden...

https://vimeo.com/ondemand/17166

rbb Doku: Sonntags bin ich Ritter...

Etwa 500.000 Menschen begeben sich in Deutschland in ihrer Freizeit auf Zeitreise. Sie wollen das Mittelalter live erleben. Was treibt sie dazu?

 

http://mediathek.rbb-online.de/tv/Himmel-und-Erde/Sonntags-bin-ich-Ritter/rbb-Fernsehen/Video?documentId=16853748&topRessort=tv&bcastId=3907830

 

Quelle: Rundfunk Berlin-Brandenburg

Das Leben im Mittelalter, wie es gewesen sein könnte...

Wenn Erwachsene Ritter spielen

Schwert, Dudelsack und glühendes Eisen - Erwachsene spielen Ritter, Räuber, Hexen oder Schmied. Das Mittelalter bewegt die Massen: Mehr als 4000 Veranstaltungen finden alleine in diesem Jahr statt, Tendenz steigend. Was bewegt moderne Menschen, jedes Wochenende in eine andere Zeit zu flüchten? Von Johannes Gernert

 

Am Abend haben sie den Göttern des Lichts Met und Brot geopfert. Dazu haben sie Honigwein in die Spree gegossen und auf die Ufererde. Im Feuer knisterten die Scheite, und das dunkle Flusswasser glitzerte silbern. Sie baten um Gesundheit und Wohlergehen. Es war der 21. Juni des Jahres 2008. Sommersonnenwende.

Am Nachmittag des folgenden Tages scheint die Sonne auf Marco Wehners verschwitzte lange Haare, den geflochteten Bart, auf seinen Schmiedeofen und die Segeltuchplanen des Wikinger-Lagers. Gerade haben sie gekämpft. In der Mitte des Festplatzes, direkt vor der Bühne, haben sie sich mit ihren Schwertern gegenseitig auf die runden Schilde und auf die Helme geschlagen, bis am Ende fast alle reglos am Boden lagen. Die Zuschauer haben geklatscht und gejohlt.

"Es wird immer mehr, keine Frage"

 

Sie nennen sich Sohlheim-Sippe. Im Sommer sind sie mit der Show und ihren Handwerks-Ständen fast jedes Wochenende auf irgendeinem Mittelaltermarkt unterwegs. Es entstehen ständig neue. Auch dieses "Sonnwend" auf der Berliner Spreeinsel findet erst zum zweiten Mal statt. Mehr als 4000 Veranstaltungen verzeichne das Fachmagazin "Karfunkel" in diesem Jahr, sagt dessen Herausgeber Michael Wolf. Festivals, Ritterturniere, Märkte, Stadtfeste. Vor drei Jahren waren es noch halb so viele. "Es wird immer mehr", so Wolf, "das ist inflationär, keine Frage." Mitte der 90er Jahre spielte die Band In Extremo mit Trommel, Laute und Dudelsack noch auf den kleinen Bühnen diverser Mittelaltermärkte. Im Mai ist sie zum ersten Mal auf Platz eins der Charts vorgestoßen.

Das Mittelalter bewegt die Massen. Nicht nur Marco Wehner packt jedes Wochenende seine Schilde, Speerspitzen und Segeltuchplanen ein und fährt stundenlang durch Deutschland. An Burgen, Schlössern und auf Dorfplätzen treffen sich Hunderte Gleichgesinnte. Zusammen reisen sie an einen anderen Ort - und in eine andere Zeit.

 

Wehner ist 37, hat als Schlosser, Maler und Dachdecker gearbeitet und vor einigen Jahren zum ersten Mal ein Mittelalterfestival besucht. Ihm gefiel die Atmosphäre. Er wollte auch jemanden darstellen, der vor über 1000 Jahren gelebt hat. Er habe sich die Wikinger ausgesucht, weil die ihre Toten oft mit Waffen beerdigt haben, sagt er. Da gab es Funde. Da konnte man sich an etwas orientieren. Er wollte möglichst exakt so aussehen, wie die Menschen damals. Er begann zu lesen, nachzuschlagen. Er stieß auf Waffen, Götter, Opfer. Er ließ sich den Bart wachsen. Wehner stammt aus Sachsen, er sagt: "Der Stolz vom Wikinger war sei' Boart." Jetzt ist sein Bart auch sein Stolz.

Wunschidentität aus einfacheren Zeiten

 

Clemens Richter hat für das, was Marco Wehner und all die anderen bärtigen Langhaarigen jedes Wochenende tun, eine recht einfache Erklärung. Richter hat sich für sein Buch "Mittelalter leben - heute" intensiv mit der Szene befasst. Die Faszination, sagt er, liege vor allem darin, dass die heutige Zeit sehr unübersichtlich wirke, die damalige vielen dagegen "einfacher, klarer und strukturierter" vorkomme. Von heute aus betrachtet.

 

In ihren Wunschidentitäten der Edelmänner, Ritter, Zauberer, Hexen oder Bauern fänden die Leute "eine selbstbestimmtere Rolle". Selbstbestimmter "als das, was ihnen die Gesellschaft der Gegenwart bietet." Marco Wehner formuliert es noch klarer: "Im Beruf macht man das, was der Chef sagt. Jetzt mache ich das, was ich machen will." Das Schmieden und Schwertkämpfen ist sein Hauptberuf geworden.

Wenn er ein Stück Eisen ins Feuer hält, bis es glüht, es mit dem Hammer zu einer Speerspitze schlägt und diese anschließend zu den anderen auf den Holztisch legt, mussten zwischendurch nicht Lastwagen, Schiffe und Flugzeuge die einzelnen Bestandteile seines Produkts über Ozeane und Berge hinweg transportieren, damit es irgendwann fertig zusammengesetzt werden kann. Er hat es alles selbst in der Hand. Das ist es, was Richter mit klaren Strukturen meint. Deshalb, glaubt er, arbeiten so viele dieser Mittelalter-Leute mit Leder, Holz oder Ton und stellen einfache Handwerker dar.

 

Nahe dem baden-württembergischen Osterburken baut "Karfunkel"-Herausgeber Wolf mit einigen Mistreitern mit den eigenen Händen gerade ein ganzes Mittelalter-Dorf auf. Adventon heißt das Projekt, das im 12. Jahrhundert angesiedelt ist. Ein Architekt und Historiker entwirft die Baupläne, "ein Architekt der Neuzeit übersetzt es für die Behörden", sagt Wolf. Es ist mühsame Arbeit. Sie benutzen keine Maschinen, nur die Werkzeuge, die es damals gab. Die Weberei und die Köhlerei stehen schon, die Grundmauern für die Schmiede und die Töpferei sind auch fertig. 50.000 zahlende Gäste kamen 2007 zu den Mittelalter-Shows in Adventon. Auch hier werden es mehr. Was sie machen, nennt Wolf "Histotainment".

Geschichte und Entertainment

 

Es geht um Geschichte und Entertainment. Überall spielen Darsteller den Besuchern vor allem deren eigene Mittelalter-Fantasien vor. Einer der größten Festival-Veranstalter in Deutschland nennt sich deshalb ganz bewusst "Mittelalterlich Phantasie Spectaculum" - allen Exaktheits-Fanatikern, die sich selbst als A-Päpste bezeichnen und das wirklich, echt Authentische fordern zum Trotz. "Wenn wir darstellen würden, wie es tatsächlich war, würden sich die Menschen wahrscheinlich entsetzt abwenden", sagt Mitorganisator Edwin Ball. Klaus Bock vom Kaltenberger Ritterturnier wird noch konkreter: "Man müsste die Toiletten zusperren und das Essen verfaulen lassen. Die Darsteller hätten ausgefallene Zähne und würden aus dem Mund stinken."

So viel Realität vertragen selbst langjährige Szene-Mitglieder nicht. "Die Leute gehen, wenn sie erkältet sind, zum Arzt, lassen sich Antibiotika verschreiben und sterben nicht einfach", sagt Bernd Meinhardt, der an den meisten Wochenenden auf den Namen Madrik hört. Seit 15 Jahren tingelt er über Märkte. Er hat seinen Schlips-und-Scheitel-Job als Möbelmarktleiter aufgegeben, sich die Haare wachsen lassen, in Schwertgruppen gekämpft und Kindern Bogenschießen beigebracht. Sie nannten sich "Rondras Barbarenhorde" oder die "Barbaren von Dannstadt".

"Wir sind auch im Alltag unbequemer"

 

Manche Formationen sind auseinandergefallen, weil die Kumpels mittags schon so besoffen waren, dass sie das Schwert nicht mehr halten konnten. Es ist ein Volk von Querköpfen, dass sich da zusammenfindet. "Wir sind auch im Alltag unbequemer", glaubt Meinhardt. Sie fallen nicht nur wegen ihrer ungewöhnlichen Frisuren auf.

 

Viele ertragen die Wochenend-Reisen allerdings nur zwei, drei Jahre lang, beobachtet er: "Man verbringt viel Zeit in feuchten, kalten Zelten." Er spüre es mittlerweile in den Gelenken. Auch wenn seine Kinder von Anfang an mit auf die Märkte gefahren sind, habe er das Mittelalter nicht zu stark in den Alltag eindringen lassen. Manche seiner Freunde schicken ihren Nachwuchs in denselben Klamotten in die Schule, die sie auch am Wochenende auf den Märkten tragen. Das halte er für "hochgradig schwierig". Die Standnachbarn des sächsischen Wikingers Wehner haben ihre Kinder Sönke Njord, Torfen Frey und Freya Sigrun genannt. Wehner sagt, dass die Anbetung von Thor oder Loki für ihn seine richtige Religion sei.

 

Die Szene:

 Mittelalterliche Märkte, Festivals, Konzerte und Turniere ziehen ein breites Publikum aus den unterschiedlichsten Subkulturen an: Gothics mit schwarzen Augenrändern, Fantasy-Fans oder junge Leute, die in fiktiven Schlachten durch die Wälder jagen und das "Live Action Role Playing" nennen.

 

Die klassischen Mittelalter-Darsteller organisieren sich in "Heerlagern".

Die sind meist hierarchisch aufgebaut und bestehen aus Pagen, Knappen, Rittern und edlen Damen. Die Profis unter ihnen werden gegen Gage gebucht, andere reisen nur fürs Fahrtgeld an oder bezahlen sogar Standgebühr.

 

Weil das Mittelalter eine Epoche ist, die je nach Definition tausend Jahre umfassen kann, zählen zu den Gruppen auch Wikinger oder Kelten. Nur Germanen gibt es wenige. "Das ist ein ganz schwieriges Thema, weil du dann entweder Nazis anziehst oder Leute, die dich hauen wollen, weil sie glauben, dass du selbst ein Nazi bist", sagt ein langjähriges Szene-Mitglied.

 

Verbindung zu den Ursprüngen

 

Es sei der Urmensch, der da herauskomme, findet Meinhardt: "Wenn du kein Mammut jagen kannst, gehst du am Wochenende halt mit dem Schwert auf Kumpels los." Psychologen sehen das ganz ähnlich. Das Bedürfnis nach einer Verbindung zu unseren Ursprüngen scheint immer größer zu werden, je mehr alltäglichen Erlebnisse nur an Fernseher, Computer oder der Konsole stattfinden. Nicht nur von Thor und Loki, sondern auch von diesen virtuellen Welten versprächen sich die Menschen Ursprungsgeschichten. Auch daher rührt der Erfolg von "Living History"-Fernsehformaten, die Neuzeit-Familien ins Mittelalter zurückschicken, aber auch von Onlinespielen wie "World of Warcraft" - oder vom "Herrn der Ringe". Damit hat sich JRR Tolkien einen Mythos ausgedacht, der vom Mittelalter inspiriert war und viele auf ihren Wochenendweg ins Mittelalter gebracht hat.

Wenn man nach den Ursprüngen der Szene suche, stoße man zwangsläufig auf Tolkien, sagt der Autor Richter. Als dessen Buch Ende der 60er populär wurden, hätten die Ersten begonnen sich wie Elfen oder Ritter zu kleiden.

Der nächste Schub kam mit der dreiteiligen Verfilmung des Epos. Nelly Alexandra Nadjvinski hat sich die Geschichte vom kleinen Hobbit und seinen Freunden vor vier Jahren angesehen. Sie habe sich danach ein Elfenkleid genäht und sei damit durch die Wohnung gelaufen. Als sie dem Postboten so die Tür öffnete, habe der gelacht. Najvinski hat einen Ort gesucht, an dem sie das Kleid tragen kann, ohne dass sie damit auffällt. So ist sie bei den Mittelaltermärkten gelandet.

Ihre Regale sind jetzt voller Mittelalter-Bücher über Kochrezepte und Kleider. Tausende Euro hat sie in ihr Hobby investiert. Nadjvinski hat Seminare besucht, um die Marktsprache zu lernen, eine "Verknuschpelung aus dritter Person und Höflichkeitsgeplänkel", mit der sich die Darsteller auf den Festen unterhalten. Wenn sie versehentlich jemanden umrennt, sagt Nadjvinski nicht "Sorry", sondern "Oh verzeiht der Herr, dass ich euren Weg gestreift habe" und macht einen Knicks.

Unter der Woche delegiert sie als Chef-Putzfrau ihre Kolleginnen durch städtische Schulen und Behördengebäude. Am Wochenende steht sie dann im Matsch der Märkte. Ihre Freizeit besteht aus Autobahn, Aufbauen, Abbauen, Autobahn - und diesen gut 48 Stunden dazwischen, weswegen sie das alles auf sich nimmt. Wenn sie am Freitagabend die Uhr weglegt und das Handy ausmacht, "dann schleicht das langsam rein", sagt sie. Dann wird sie zu Isolde, der edlen Dame, oder zur Magd im Bauerngewand.

Es riecht nach verbranntem Holz. Jemand spielt Laute. Die blank gebohnerten Linoleum-Flure sind Jahrhunderte weit weg. Aber sie weiß jetzt schon, dass sie am Sonntagabend leicht melancholisch werden wird und dass sie vor allem der Gedanke ans nächste Wochenende beruhigt, wenn sie in den frühen Morgenstunden erschöpft ins Bett fällt.

Geschlechter Tanz, Augsburg
Geschlechter Tanz, Augsburg

Noch ein Wort zum Begriff Mittelalter:

Der Begriff Mittelalter bezeichnet eine Epoche in der europäischen Geschichte
zwischen der Antike (bis ca. 600 n. Chr.)
und der Neuzeit (beginnt zwischen 1453 und 1517),

die christliche und antike sowie keltische, germanische und slawische Entwicklungen zusammenführte.

Grundzüge des europäischen Mittelalters waren eine nach Ständen geordnete Gesellschaft ,
eine gläubige christliche Geisteshaltung in Literatur , Kunst und Wissenschaft
und Latein als gemeinsame Kultur- und Bildungssprache.
Daneben waren die Idee der Einheit der christlichen Kirche
(die aber faktisch nach dem großen Schisma mit der Ostkirche nicht mehr bestand)
sowie ein recht einheitliches Weltbild kennzeichnend für diese Epoche.
Die vorherrschende Gesellschafts- und Wirtschaftsform des Mittelalters war der Feudalismus .

Das Mittelalter erstreckt sich ungefähr vom Ende der Völkerwanderung (375–568) bzw. vom Untergang des weströmischen Kaisertums 476
bis zum Zeitalter der Renaissance seit der Mitte des 15. Jahrhunderts bzw. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts.

Quelle: Wikipedia

Wappen der Familie Pepersack
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Siegelmarke
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Nächster Termin 26.04. öffentliches Training
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