Mittelalter



Was ist das - "Mittelalter"?


Mit dem Begriff "Mittelalter" ('mitler jar') bezeichneten die Humanisten des 16. Jh. den Zeitraum zwischen der Antike und ihrer eigenen Gegenwart und damit ist schon eine Wertung verbunden.


Umberto Eco beschrieb einmal "Zehn Arten von Mittelalter zu träumen". Er wollte damit zeigen, dass es "das eine Mittelalter" nicht gab, sondern viele - und diese sind von unserer Wahrnehmung abhängig.1
 
Das Mittelalter der Humanisten: Sie feierten im 16. Jahrhundert die Wiedergeburt der "Antike", taten dies aber in der Kunst und Kultur, weitab vom Alltagsleben des Mehrheit der Menschen. Wenn ein Dorfschullehrer um 1600 den Begriff vom "finsteren Mittelalter" prägte, und dies in einer Zeit, wo Glaubenskriege, Inquisition, Hexenverfolgungen auf ihrem Höhenpunkt waren, zeigt sich die Subjektivität dieses Begriffes.
 Trauung Heinrichs des Löwen - Historiengemälde 1947 (Fritz Grotemeyer)

Das Mittelalter als "dunkler Zeit-Raum": Dunkelzeit zwischen zwei "leuchtenden Epochen" - der Antike und der Neuzeit. Noch heute wird es als Zeit und Land ohne Gesetze, als Ort der Barbarei, "jungfräulicher Boden elementarer Gefühle" und bestenfalls als "Fantasyspiel" gesehen oder auf "Ritterspektakel" reduziert.

Das romantische Mittelalter - bevölkert von neogotischer Ritterromantik, düsteren Burgen, Heldensagen, Märchen - das Mittelalter des frühen 19. Jh.

Das "nationale" oder "deutsche Mittelalter" - Die deutsch-nationale Geschichtsschreibung im 19. und frühen 20. Jahrhunderts sah im "Mittelalter" die große Epoche deutscher "Kaiserherrlichkeit" und "Weltherrschaft" und das deutsche Bürgertum suchte die Anknüpfung an das mittelalterliche "Bürgertum".
 

Wann war "Mittelalter"?

In der Schule lernten wir: 500 bis 1500. Doch kann eine so große Zeitspanne nur "eine" Epoche sein?

Nein, denn die Welt des 8. Jahrhunderts unterschied sich von der des 11. genauso gewaltig wie die des 11. vom 15. Jahrhundert oder die des "Mittelalters" von unserer heutigen. Dazwischen lagen "Welten"!

Wie der Mittelalterbegriff ist auch die zeitliche Eingrenzung nur ein Hilfsmittel. In der Geschichtsforschung nimmt man heute Abstand von der Vorstellung, Geschichte sei eine unweigerliche Entwicklung zum Besseren hin. Sie wird heute als lange Wellenentwicklung mit Höhen und Tiefen wahrgenommen.
 

Endete das Mittelalter tatsächlich 1500?

Wohl kaum. Nehmen wir die Lebensbedingungen der Bauern als Kriterium - immerhin gut 70 % der Bevölkerung - so lebten diese bis Mitte des 19. Jahrhunderts immer noch in Grundherrschaft und teilweise Leibeigenschaft (die im Spätmittelalter weitgehend verschwunden war und erst seit dem 16. Jh. wiederbelebt wurde!). Auch die Macht des Adels, weiteres Charakteristikum des "Mittelalters", endete in den meisten europäischen Ländern vielfach erst 1918.

Dagegen nahmen zahlreiche Entwicklungen, die wir heute mit Moderne, Fortschritt und mit unserem heutigen Leben verbinden, im Mittelalter ihren Anfang. Es war eine Epoche des Übergangs, der Vielfalt, des Pluralismus und hoher sozialer Mobilität, Zeit der großen Erfindungen und der Vorformen neuer Lebensweisen, die wir heute wie selbstverständlich praktizieren.

Auf dem Land hielten Drei-Felder Wirtschaft und künstliche Düngung Einzug. Städte und Bürgertum entstanden, dass Handwerk organisierte sich, die Schriftlichkeit breitete sich rasant aus. Es war der Beginn moderner Verwaltung. In den Städten wurden Wasserleitungen verlegt, Straßen gepflastert.
"Weltweiter" Fernhandel und Geldwirtschaft setzten ein. Bankgründungen ermöglichten Kredite und bargeldlose Überweisungen, die Einführung der arabischen Zahlen doppelte Buchführung. Und auch die Ideen des europäischem Gedankens und die wirtschaftliche "Globalisierung" sind "mittelalterlich". Baubetrieb 1480 (Petrus de Crescentiis, Ruralium Co-modorum Libri XII, Bruegge)
Nudelherstellung, 14. Jh.
 
Fast alle Universitäten wurden im Mittelalter gegründet. Gelehrte legten die heute noch gültigen Grundsteine für Mathematik und Forschung, entwickelten sogar Atomtheorien; Juristen schufen zunehmend Rechtssicherheit. Kirchenreformation und Kopernikanisches Weltbild haben ihre Vordenker im "finsteren" Mittelalter.

Ein Merkmal des Mittelalters sind zahlreiche technische Innovationen. Erfindungen des Mittelalters waren z.B. Papier, Hochöfen, Brille, Uhren, Buchdruck, die realistische Ölmalerei - und die Makkaroni und mit ihr die Gabel!

Deshalb weist die Mittelalterforschung auf die Zeit um 1300 als Enddatum des Mittelalters hin, dem Ende der Städtegründungsphase und dem Niedergang  des Feudalwesens. Und einigen Zeitgenossen waren die Veränderungen bewusst: Schon im 15. Jahrhundert kreierten Gelehrte den Begriff der "Moderne", der später als Periodisierungsbegriff für die "Neuzeit" allgemein üblich wurde.

Die mittelalterliche Kultur brachte, entgegen langläufiger Vorstellungen, viel Neues hervor, war aber zugleich sehr bemüht, es unter den Überresten der Wiederholung zu verstecken; dies ist ein typisch mittelalterlicher Wesenszug, im Gegensatz zur heutigen Kultur, die auch dann vorgibt Neues zu produzieren, wenn nur Altes wiederholt wird!2
 

Das Mittelalter darf aber auch nicht verklärt werden. Es ist eine zwar eine glanzvolle, aber zugleich auch düstere Epoche, so widersprüchlich wie das Denken und Handeln der mittelalterlichen Menschen, was für uns vermeintlich "aufgeklärte" Menschen des 21. Jh. oft nur sehr schwer nachvollziehbar ist. Die bisherige äußerst pessimistische und übertrieben negative Sichtweise des Mittelalters, die uns und unserem Bildungssystem seit dem 16. Jh. zu eigen ist, wird aber in den letzten drei Jahrzehnten von der Forschung zunehmend in Frage gestellt.

"Ihr seit nicht klüger, ihr kommt nur später!"
                                                                        Friedrich Nietzsche

In diesem Sinne soll auf den Folgenden Seiten, die einen kleinen Einstieg in die Geschichte und die Eigenarten der Geschichte der mittelalterlichen Stadt geben, den neuen Ergenissen der modernen Forschung Rechnung getragen werden...weiter
 

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1 Umberto ECCO, Zehn Arten, vom Mittelalter zu träumen, in: Ders., Über Spiegel und andere Phänomene, 1983, 116.
2 Ders., Kunst und Schönheit im Mittelalter, München/Wien 1991, S. 13.

© RK


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